„Stadt als Bühne“ – das ungewöhnliche Experiment ist nicht einem Brainstorming des Stadtmarketings entsprungen, sondern ein ernsthaftes, wenn auch ungewohntes Bildungsprojekt des Fachbereichs Soziale Arbeit der Fachhochschule St.Gallen. Deren Rektor Sebastian Wörwag hat das Projekt aktiv und intensiv unterstützt und begleitet. Er erläutert, welchen Nutzen das Experiment gestiftet und wie es die Studierenden vorangebracht hat.
Herr Wörwag, auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, dass das Experiment „Stadt als Bühne“ zuallererst einen Bildungsauftrag zu erfüllen hat. Was tragen die Verkleidungen als Stadt-Butler, Herold oder Geschichtenerzähler zur Berufskompetenz künftiger Sozialarbeiter bei?
Sebastian Wörwag: Die Soziale Arbeit verlangt Kompetenzen, die nicht im Studierzimmer gelernt werden können. Gerade das Modul Öffentlichkeitsarbeit hat die „Stadt als Bühne“ aufgegriffen und die reale Öffentlichkeit als Studienobjekt gewählt. Handlungskompetenz entsteht erst beim Handeln – es braucht Mut, sich auf zufällig vorbeigehende Menschen einzulassen und diese in einen ernsthaften Dialog zu involvieren. Erst wer sich eins zu eins auf ein solches Experiment eingelassen hat, kann die Aufgaben sozialer Arbeit richtig einschätzen, sich eine eigene Haltung dazu erarbeiten und seine Aufgaben und die eigene Haltung reflektieren.
Wo ist diese Kompetenz und Bereitschaft zum Dienst in der Öffentlichkeit besonders gefragt?
Sebastian Wörwag: Aufsuchende Sozialarbeit verlangt dieses Auf-die-Leute-Zugehen. Das hat sich im Laufe des Experiments insbesondere bei der Aktivität im Hochhaus gezeigt: Die Anonymität im Hochhaus war eindrücklich, und die Versuche, diese zu durchbrechen mit Veranstaltungen auf der Dachterrasse oder mit dem Fahrstuhlsprecher, der die neuesten Nachrichten aus den Etagen verlesen hat, lieferten lehrreichen Anschauungsunterricht.
Es geht also auch um Persönlichkeitsbildung der Studierenden.
Sebastian Wörwag: Die Persönlichkeitsbildung ist wichtig. Es genügt nicht, Wissen zu vermitteln. Es braucht die inhaltliche Auseinandersetzung und die Reflexion über Themen. Lernen muss immer wieder auf das Wesentliche zurückgeführt werden, das es zum Gelingen braucht: neugieriges Erproben, handelndes Ausloten und persönliches Auseinandersetzen unter kundiger Moderation erfahrener Dozierender.
Sind die in kurzen szenischen Experimenten gewonnenen Erkenntnisse der Studierenden nachhaltig genug?
Sebastian Wörwag: Die Kunstfiguren, in welche die Studierenden schlüpften, sind eine gute Möglichkeit, Neues zu erproben und Erlebtes zu reflektieren. Es sind für die Studierenden prägende Erlebnisse, die lange nachwirken. Zudem ist das eben erschienene Buch über dieses Projekt eine weitere Möglichkeit, die Erfahrungen zu konservieren.
Kann das Buch nachhaltig Wirkung erzielen und nützlich bleiben?
Sebastian Wörwag: Das Buch hat Nutzen für die Kleinstadt Rorschach. Es ist so, dass die Studierenden etwas lernen konnten und die andere Seite, die Stadt, zugleich profitieren kann. Das Projekt „Stadt als Bühne“ hat Modellcharakter und kann in der Erforschung und Belebung sozialer Räume ein Einstieg zu neuen Arbeiten sein. Das Projekt ist auch auf andere Kleinstädte übertragbar.
Ist dieses Projekt des Fachbereichs Soziale Arbeit eine Ausnahme oder gibt es auch in andern Fachbereichen ähnliche Projekte?
Sebastian Wörwag: Die „Stadt als Bühne“ war in der Öffentlichkeit besonders stark wahrnehmbar, aber nicht eine Ausnahme. Ähnliche Ziele verfolgen beispielsweise die Projekte mit Unternehmen für die Wirtschaftsstudierenden, wo für konkrete Aufgaben aus der Praxis Lösungen erarbeitet werden. Auch da erwerben die Studierenden Handlungskompetenz: Sie verhandeln mit den Auftrag vergebenden Unternehmen, verbessern ihre Organisationsfähigkeit, erweitern ihre Sozialkompetenz. Analog zur aufsuchenden Sozialarbeit ist es hier die „aufsuchende“ Wirtschaft, welche in die Unternehmen und die Wirtschaftswelt hinausgeht.
Und der bildungspolitische Tenor dahinter?
Sebastian Wörwag: Hinter allem steht die Überzeugung, dass Bildung mehr ist als Wissensvermittlung, nämlich Selbsterfahrung, Praxis, Selbstreflexion und die Fähigkeit, Voreingenommenheit durch eigene Erfahrung zu ersetzen.
Interview: Markus Löliger