Traumberuf „Schatzgräberin“

schatzsucher.jpgDie Hafenanlage ist an diesem rauen Oktobernachmittag Schauplatz eines ungewohnten Szenarios: Das Gelände rund um den alten Hafenkran ist von Studierenden der FHS St. Gallen (Fachbereich Soziale Arbeit), in eine riesige Schatzkammer verwandelt worden.

Blau-gelb gekleidete Schatzgräber in Latzhose und Helm, ausgerüstet mit Schaufeln und Karetten, rennen über die Hafenmauer geschäftig auf den Leuchtturm zu, klettern waghalsig die Leiter hinauf und übermitteln dem Schatzmelder geborgene Schätze Rorschachs. Mit einem Horn schmettert Rico Stämpfli eine Fanfare über die Weiten des Bodensees. Er ruft eine von unzähligen Schatzentdeckungen aus: „Soeben ist Kunde von folgendem Schatz eingetroffen: Rorschach ist die kleinste Grosstadt der Welt. Klein-Istanbul, Little Italy, drei Bahnhöfe, ein Hafen und das horizontale Gewerbe: alles ist vorhanden!“

Schätze braucht die Welt
Mit dem Ziel verlorene, sichtbare, verschüttete und schlummernde Schätze in Rorschach zu entdecken, sind über 50 angehende Sozial Arbeitende bereits am Morgen in die Rolle von Schatzsuchenden geschlüpft, um Stimmen der Bevölkerung einzufangen. „Wieso fällt mir jetzt Nichts ein, ich schwärme doch eigentlich für Rorschach“, entfährt es einer Liebhaberin Rorschachs im ersten Augenblick. Sie ist mit dieser Aussage nicht alleine: „Oftmals sind wir uns den Schätzen um uns herum zu wenig bewusst“, so Mark Riklin, mit Selina Ingold Initiant der Aktion. Für ihn ist klar: „Schätze haben allein reicht nicht, sie müssen auch geschätzt werden.“

Zeitzeugin wieder beleben
Fast wehmütig berichtet der langjährige Hafenmeister Urs Grob im Interview, wie er früher durch das Läuten der Hafenglocke im Nebel verborgene Schiffe an die Oberfläche gezaubert habe. Sein Schatz, die besagte Hafenglocke, ist nach Abbruch des Güterschuppens plötzlich verschwunden – ein verlorener Schatz? Stadtpräsident Thomas Müller verspricht der Glocke, als Zeitzeugin der Hafengeschichte, wieder ihren verdienten Platz zuzusprechen. Genaueres verraten möchte er nicht, vermittelt aber die Hoffnung auf einen wieder gefundenen Schatz für Rorschach.

Teilzeitstelle
Nach fast einer Stunde sind Schatzgräber und Perlentaucher geschafft aber zufrieden: Viele Schätze sind gesammelt, in die einzelnen Kategorien sortiert und auf einer Schatzkarte eingetragen. Gegen die Kälte wird den Schaulustigen Glühwein serviert und eine einladende Atmosphäre zum weiteren Austausch über die Schätze des Bodensees geschaffen. Ein wenig zögernd entledigen sich die Schatzgräber schliesslich ihrer bunten Kleidung, der Helme, Schaufeln und Karetten. Eins steht ihnen ins Gesicht geschrieben: „Eine Teilzeitstelle als Schatzgräber oder Schatzgräberin – das wäre ein ganz besonders kostbarer Schatz.“

Text:Monica Reinhart (27), St.Gallen, angehende Sozialarbeiterin im 4. Semester FHS St.Gallen
Foto: Ivana Schmucki, Studentin der FHS St.Gallen (Fachbereich Soziale Arbeit)

Dieser Text ist im Rahmen eines Medienseminars im Fachbereich Soziale Arbeit der FHS St.Gallen entstanden.

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