„Mein Radio ist das Café“

Studierende der FHS St. Gallen betraten am Dienstag verschiedene Kneipen in ganz Rorschach und lauschten dem Gemurmel an den Stammtischen. Im Rahmen eines Medienseminars soll dem „Stammtisch-Gepolter“ auf den Puls gefühlt werden, um Antworten auf die im Frühjahr gesammelten „101 Fragen an eine Stadt“ zu erhalten.

Im Café Signal läuft Musik und gut lässt sich vorstellen, wie hier einst Senioren das Tanzbein geschwungen haben. Der Radiosender Signal läuft den ganzen Tag hindurch. Rorschacher Neuigkeiten über Politik, das neue Boot oder auch über persönliche Ereignisse werden am Stammtisch auch ausserhalb der vollen Stunde ausgetauscht. „Ich brauche kein Radio zu hören“, meint daher die Wirtin Maija Rakic. Je nach Uhrzeit und Tagesablauf der einzelnen Personen empfängt sie unterschiedliche Kundschaft. Selbst am Stammtisch sitzen Menschen verschiedenen Alters. Dementsprechend breit gefächert ist die Café-Radiosendung. Sogar die Bilder sind auf die verschiedenen Vorlieben der Kundschaft abgestimmt.

Alltagskunst
Die Wirtin ist selbst Künstlerin, malt gerne Portraits und fotografiert ihre Kundschaft in allen möglichen Lebenssituationen, sogar schlafend. Gross sei die Freude, wenn die Gäste sich auf einer Fotografie wiedererkennen. Vielleicht, so Maija Rakic, werde sie damit mal eine Ausstellung machen. Dass Menschen im Zentrum ihres Lebens stehen, zeigt sich spürbar an ihrer Gastfreundschaft. Jeder Mensch sei in ihrem Café willkommen, egal aus welcher Gesellschaftsschicht. So kennt die Wirtin ganz Rorschach inklusive den dazu gehörenden Hunden. Oft erhält sie daher bei einer Hochzeit oder einem Trauerfall gar eine persönliche Karte.

Zukunftsmusik
Die durchmischte Farbpallette der Café-Besucher zeichnet ein Bild einer offenen Atmosphäre. Die Gäste gesellen sich zueinander und nicht selten setzt sich die Wirtin zu ihnen – um Radio zu hören. Angesprochen auf eine Wetterprognose zur Stadt Rorschach meint Maija Rakic: „Mit diesen jungen Leuten in Rorschach sehe ich eine gute Zukunft.“ Sie erlebt die Jugendlichen als freundlich und ist begeistert, wie diese jeweils höflich nach der Toilette fragen. Gerade im Anstand der Jugend sieht die Wirtin ein gutes Zeichen für die Zukunft der Stadt.

Stadtphilosophie
Mögliche Weiterentwicklungen für die Stadt Rorschach sieht Maija Rakic in den anfallenden Gebäude-Renovationen und in der Beseitigung der morgendlichen Abfalllandschaft. Das Herz von Rorschach sieht sie jedoch in den Menschen. „Personen machen eine Stadt aus und gehören dazu.“ Die Wirtin freut sich daher besonders über die positive Stimmung der Bürger. Diese Atmosphäre sei auch am Stammtisch und dem dort stattfindenden Gepolter zu spüren.

Geschichtenrettung
Nach einer Stunde strömen die Studierenden wieder aus den 13 besuchten Kneipen und begeben sich ins Hafen-Beizli, um die Geschichten auszutauschen. Neben Vertretern der Stadtverwaltung sind auch Stammtisch-Besucher aus unterschiedlichen Lokalitäten anwesend. Unter der Leitung der verantwortlichen Dozierenden, Mark Riklin und Selina Ingold, wird gemeinsam und engagiert gepoltert. Gesucht werden mögliche Antworten auf die Frage, was an den Stammtischen der Stadt diskutiert wird. Unterschiedliche Stammtisch-Rollen werden eingenommen. Die Bühne ist eröffnet und spiegelt, was Rorschach ausmacht – seine Bürgerinnen und Bürger.

Text: Isabelle Stierli
Bild: Matthias Reist
Interview mit der Signal-Wirtin: Manuela Breu

Bildlegende: Signal-Wirtin Maija Rakic im Gespräch mit Studierenden der FHS St.Gallen, Fachbereich Soziale Arbeit

Link zum Film “Stammtisch-Gepolter” von Marco Hess und Thomas Bartlome

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