Variationen eines Themas
Nach “Eine Stadt verzaubern” (2005), “Lob der Siesta” und “Szenen einer Stadt” (2006) folgt am 1. Mai 2007 der vierte Streich in der Reihe “Stadt als Bühne”: Im Hochhaus an der Thurgauerstrasse 33, das vor bald 40 Jahren an der Stelle des alten Badhofs erstand, unternehmen Mark Riklin und Selina Ingold in Zusammenarbeit mit Studierenden der FHS St.Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften, den Versuch, den Faden zu den 54 Mietparteien aufzunehmen und im besten Fall neue Nachbarschaften zu initiieren.
Kaleidoskop unterschiedlichster Lebensentwürfe
Auf der Suche nach einer geeigneten Liegenschaft, wo sich Menschen unterschiedlichster Generationen, Kulturen und sozialen Schichten mischen, sind Mark Riklin und Selina Ingold anfangs Januar über den Hochhaus-Komplex an der Thurgauerstrasse 33 gestolpert: aufgrund der einmaligen Lage direkt am See, aufgrund der Geschichte als eines der ersten Hochhäuser in der Stadt Rorschach und nicht zuletzt aufgrund der Klingelschilder, die unterschiedlichste Lebensentwürfe erahnen lassen, die auf engstem Raum neben-, über- und unter einander wohnen.
Lebensweltorientierung
Diese Faszination teilen seit anfangs Woche 14 Studierende des Fachbereichs Soziale Arbeit, die Projektmanagement und Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen eines zweiwöchigen Kompaktseminars an einem konkreten Beispiel möglichst realitätsnah erfahren wollen. Das Projekt “Nachbarschaft auf 14 Etagen” bietet ihnen die Gelegenheit, sich direkt in die Lebenswelt der Hochhaus-Bewohner zu begeben und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Nicht weil ein Problem besteht, sondern ganz einfach aus Interesse an Mensch, Wohnform und Nachbarschaft.
Tulpenpost
Als grössten Stolperstein erkannten Projektleitung und Studierende die Gefahr, die Mieterschaft zu überfahren, sie auf ihrem eigenen Territorium zu bedrängen. Eine sorgfältige Annäherung in mehreren Schritten sollte eine Vertrauensbasis schaffen, sich zu begegnen. Auf Basis der Tulpenpost, mit der alle Mietparteien ein erstes Mal über die Projektidee informiert wurden, versuchten die Studierenden telefonisch mit Mietern in Kontakt zu treten und Treffen zu vereinbaren, bevor unter Leitung von Werner Seiler, Mieter auf der 11. Etage, eine erste Ortsbegehung stattfand.
Topadresse direkt am See
Seither dient die Hochhaus-Terrasse als Ausgangspunkt für abenteuerliche Geschichtenreisen in einzelne Wohnungen, wo die Studierenden gastfreundlich empfangen werden. Innert kürzester Zeit werden sie ins Schlafzimmer gebeten, die privatesten Geschichten erzählt. Und immer wieder wird geschwärmt über die einzigartige Wohnlage direkt am See: “Ich bin überglücklich, hier zu wohnen”, sagt ein Mieter, der sich als “Frischling” bezeichnet und am liebsten bis zu seinem Lebensende hier bleiben würde.
Café Terrasse
Was manch einem Mieter fehlt, sind regelmässige Nachbarschaftstreffen, beispielsweise auf der gemeinsamen Dachterrasse. Diesen Wunsch möchten ihnen die Studierenden zumindest für eine Stunde erfüllen: Am 1. Mai soll hoch über dem Schwäbischen Meer die Illusion eines stationären Cafés entstehen, das um Punkt 13 Uhr wie eine Fata Morgana erscheint, um eine Stunde später wieder zu verschwinden. Der Besuch des Cafés ist öffentlich und kostenlos.
Text von Mark Riklin