Kinder- und Jugendpartizipation auf Bundesebene – Wissenschaftliche Perspektiven aus der Forschung des IFSAR

Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an politischen Entscheidungsprozessen wird in demokratischen Gesellschaften zunehmend als Qualitätsmerkmal guter Governance verstanden. Aus der Perspektive des IFSAR – Institut für Soziale Arbeit und Räume ist Partizipation dabei nicht allein als normatives Ziel zu begreifen, sondern als komplexer sozialer Prozess, der wissenschaftlicher Analyse, konzeptioneller Präzisierung und institutioneller Reflexion bedarf. Vor diesem Hintergrund hat das IFSAR im Auftrag des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) untersucht, wie Kinder- und Jugendpartizipation auf Bundesebene derzeit ausgestaltet ist – und welche strukturellen Bedingungen erforderlich sind, damit Beteiligung über symbolische Formen hinaus Wirkung entfalten kann.

Partizipation als Forschungsgegenstand: zwischen Anspruch und institutioneller Praxis
Empirisch zeigt sich, dass es in der Schweiz eine Vielzahl etablierter Beteiligungsformate für Kinder und Jugendliche gibt, etwa Jugendparlamente, themenspezifische Workshops oder konsultative Verfahren. Die Analyse des IFSAR macht jedoch deutlich, dass diese Angebote auf Bundesebene vielfach auf frühe Ideensammlungen oder punktuelle Rückmeldungen begrenzt bleiben. Entscheidungsbefugnisse, Prioritätensetzungen und Umsetzungsfragen sind hingegen meist Erwachsenen vorbehalten.

Aus partizipationstheoretischer Sicht verweist dies auf eine wiederkehrende Diskrepanz zwischen Beteiligungsrhetorik und realer Einflussnahme. Partizipation wird zwar formal ermöglicht, bleibt jedoch häufig funktional begrenzt. Für die Forschung zentral ist daher die Frage, unter welchen Bedingungen Beteiligung als wirksam, nachvollziehbar und legitim erlebt wird – insbesondere aus Sicht der beteiligten Kinder und Jugendlichen.

Lebensweltorientierung, Machtasymmetrien und Zugänglichkeit
Ein zentrales Ergebnis der Studie besteht darin, dass Kinder und Jugendliche grundsätzlich ein hohes Interesse an politischer Mitwirkung zeigen, sofern Themen ihre eigene Lebenswelt betreffen. Dies schliesst Fragen, die nicht in ihrem sozialen Nahraum, sondern im «fernen» Bern behandelt werden nicht aus: Fragen der sozialen Sicherheit, der Bildung, der Gesundheit, der Digitalisierung oder des Klimawandels werden von jungen Menschen als unmittelbar relevant wahrgenommen. Entscheidend ist jedoch weniger das Thema allein als vielmehr die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: Beteiligung entfaltet dann Motivation, wenn erkennbar ist, dass eigene Perspektiven Einfluss auf Prozesse und Ergebnisse haben.

Gleichzeitig verweist die Forschung auf persistente strukturelle Herausforderungen. Der Zugang zu Beteiligungsprozessen ist sozial ungleich verteilt; insbesondere Jugendliche aus bildungsfernen oder prekären Lebenslagen bleiben häufig unterrepräsentiert. Aus wissenschaftlicher Sicht macht dies eine kritische Auseinandersetzung mit institutionellen Zugangsbedingungen, impliziten Erwartungshaltungen und Machtasymmetrien erforderlich. Partizipation ist damit nicht nur eine Frage geeigneter Methoden, sondern auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit.

Vom empirischen Befund zum Transfer: Entwicklung eines praxisorientierten Leitfadens
Auf der Grundlage der empirischen Bestandesaufnahme hat das IFSAR gemeinsam mit polsan ein Konzept und einen Praxisleitfaden zur Stärkung der Kinder- und Jugendpartizipation auf Bundesebene entwickelt. Ziel war es, wissenschaftliche Erkenntnisse in ein anwendungsorientiertes Instrument zu übersetzen, das die komplexen Anforderungen administrativer Praxis berücksichtigt, ohne den normativen Anspruch von Partizipation zu unterlaufen. Das Konzept und der Leitfaden unterstützen Mitarbeitende der Bundesverwaltung unter anderem dabei,

  • die Relevanz von Partizipation in konkreten Vorhaben systematisch zu prüfen,
  • partizipative Ansatzpunkte innerhalb bestehender Prozesse zu identifizieren,
  • sowie geeignete Beteiligungsformate auszuwählen und umzusetzen.

Aus der Forschungsperspektive des IFSAR ist dabei besonders relevant, dass Partizipation auf Bundesebene differenziert betrachtet wird. Sie ist nicht in jedem Verfahrensschritt gleichermaßen möglich oder sinnvoll, eröffnet jedoch realistische Gestaltungsspielräume, etwa bei Postulatsberichten, Strategie- und Programmplanungen, Aktionsplänen, Sensibilisierungskampagnen oder frühen Phasen von Rechtsetzungsprojekten.

Demokratische Bildung als wechselseitiger Lernprozess
Kinder- und Jugendpartizipation erfüllt eine doppelte Funktion. Für junge Menschen stellt sie einen Erfahrungsraum demokratischer Bildung dar, in dem politische Kompetenzen, Artikulationsfähigkeit und Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen aufgebaut werden können. Gleichzeitig bedeutet Beteiligung auch einen Lernprozess für staatliche Akteur:innen: Die systematische Einbindung junger Perspektiven eröffnet Wissen über veränderte Lebenslagen, Bedürfnisstrukturen und Zukunftsvorstellungen.

Das IFSAR versteht diese Wechselwirkung als zentralen Bestandteil evidenzbasierter Praxisentwicklung. Partizipation ist in diesem Sinne kein additiv einsetzbares Instrument, sondern ein reflexiver Prozess, der institutionelle Routinen, Entscheidungslogiken und Verantwortlichkeiten berührt.

Kinderrechte als normativer Referenzrahmen
Normativ gerahmt wird die Frage der Kinder- und Jugendpartizipation durch die UN-Kinderrechtskonvention, welche die Schweiz 1997 ratifiziert hat. Das Recht auf Beteiligung zählt zu den vier Grundprinzipien der Konvention und verpflichtet staatliche Stellen dazu, Kinder und Jugendliche in allen sie betreffenden Angelegenheiten angemessen einzubeziehen.

Die Studie des IFSAR leistet hierzu einen wissenschaftlichen Beitrag, indem sie zeigt, wie dieser Anspruch auf Bundesebene konkretisiert werden kann – nicht als formales Anhörungsrecht, sondern als strukturell verankerte und lernorientierte Praxis politischer Mitgestaltung.

Die im Projektverlauf entstandenen drei Produkte (Bestandesaufnahme, Konzept, Leitfaden) finden sich in digitaler Version frei zugänglich auf der Homepage des BSV: https://www.bsv.admin.ch/de/politische-bildung

Bei Anregungen oder Fragen freuen wir uns über Ihre Kontaktaufnahme:

mandy.falkenreck@ost.ch / axel.pohl@ost.ch