„Das Projekt kam wie gerufen“

Lange ging es Rorschach als Industrie-Kleinstadt gut. Der erste Knacks kam anfangs der 1970er Jahre: Rorschach hatte als kleinste Gemeinde im aufkommenden Trend zu Wohneigentum kein Bauland anzubieten. Wenig später folgte der Zusammenbruch der Feldmühle, des grössten Arbeitgebers. Und Mitte der 90er Jahre kam es zu einer Abwanderungswelle als Folge breiter Unzufriedenheit. „Einer der Gründe war der schlechte Ruf der Schulen angesichts grosser Ausländeranteile“, sagt der heutige Rorschacher Stadtpräsident Thomas Müller. „Es gab keinen Streit in der Stadt – die Abstimmung erfolgte mit dem Zügelwagen“.

Als Folge sank die Bevölkerungszahl um rund 40 Prozent von einst stolzen 14 000 auf noch 8200 Einwohner. „Mit dieser Talfahrt brach die Finanzkraft der Stadt völlig zusammen“, erläutert Müller. Er wurde – mit dem Nimbus des Erfolgreichen nach seiner ausgezeichneten Zeit als FC St.Gallen-Präsident – vor allem von Gewerbevertretern gedrängt, das Stadtpräsidium zu übernehmen. „Ich habe meine Wahl immer als Sanierungsauftrag verstanden“, sagt Thomas Müller, der für die CVP auch im Nationalrat sitzt. „In der nachfolgenden Zeit der Sanierung und des Umbruchs kam das Projekt „Stadt als Bühne“ der Fachhochschule St.Gallen wie gerufen. Es zeigt auf liebenswürdige Weise die schönen Seiten Rorschachs“, freut sich der Stadtpräsident und kommt geradezu ins Schwärmen: „Das Projekt hat vieles und viele bewegt, und die Bilder im Projekt begleitenden Buch geben einen fantastischen Einblick in die Stadt und ihr Leben sowie einen unerwartet vielgestaltigen Auftritt Rorschachs – nach innen wie nach aussen.“

Aus einem Brunnen ein Ereignis gemacht

Insbesondere das Buch sei in seiner Wirkung nachhaltig, und es zeige den Rorschachern, dass es sich lohne, etwas für die Stadt zu tun. Die Auftritte der hilfsbereiten und sympathischen Butler seien angesichts der lange dauernden Unzufriedenheit auf fruchtbaren Boden gefallen. Als Beispiel dafür nennt Thomas Müller die rund zwanzig Glöckner, die seit dem FHS-Projekt regelmässig von Hand die kleine Glocke des Jakobsbrunnens läuten und aus dem unscheinbaren Brunnen „ein herausragendes Ereignis“ (Müller) machen. „Ich bin insgesamt vom Projekt begeistert“, sagt Müller, „dieses hat gute Auswirkungen – die Botschaft sitzt tief.“

Institutionelle Anleger statt Sexlokale

Dass in Rorschach seit dem Stadtpräsidentenwechsel ein neuer Wind weht, ist an vielen Entwicklungen zu spüren. Der Neue scheut die Auseinandersetzung nicht („Es braucht einen Stapi, der mit dem Zweihänder umzugehen weiss, und den man spürt.“), er wehrt sich für seine Stadt („Ich kämpfe mit dem Stadtrat gegen die Ansiedlung von Sexlokalen – unsere Stadt ist für solche Etablissements zu klein.“), und er räumt mit Althergebrachtem auf, wenn er es für einen alten, unnötig gewordenen Zopf hält („Ich habe schon kurz nach Amtsantritt die Gewerbepolizei als Verwaltungsabteilung aufgehoben.“). Der Erfolg gibt Thomas Müller recht: „Viele alte Rorschacher kehren zurück – unter ihnen auch „Zügelwagen-Abstimmer“ – und institutionelle Anleger wie Pensionskassen interessieren sich wieder für Bauland und Wohnsiedlungen in der Kleinstadt am Bodensee.“

Text: Markus Löliger