Wie können wir gemeinsam Orte gestalten, die Menschen und Umwelt eine wünschenswerte Zukunft ermöglichen? Und wie lassen sich Perspektiven einbeziehen, die über menschliche Bedürfnisse hinausgehen? Diesen Fragen widmeten wir uns am 29. September 2026 in einem Zukunftslabor auf dem Areal Bach beim Bahnhof St. Fiden in St. Gallen.
Am Workshop, organisiert von den Instituten IFSAR und IDEE der OST, nahmen Vertreter:innen des Vereins Areal Bach teil. Die Methode wurde von Forschenden des Departements für Architektur und Stadtforschung (DAStU) am Politecnico di Milano entwickelt. Anna Giulia Castaldo, Gastforscherin an der OST, unterstützte die Durchführung des Workshops.
Das Zukunftslabor ist Teil des europäischen Projekts NatureScape, das sozioökologische Ansätze für die langfristige Pflege und Bewirtschaftung naturbasierter Lösungen untersucht. Im Zentrum des Zukunftslabors stand die gemeinsame Entwicklung mehr-als-menschlicher Zukunftsvorstellungen: Der Mensch wird dabei als Teil eines umfassenden ökologischen Beziehungsgefüges betrachtet. Diese Sichtweise eröffnet neue Perspektiven auf die Gestaltung und Nutzung von Räumen sowie auf die damit verbundenen Entscheidungsprozesse.
In drei Schritten zur Zukunftsvision
Der Workshop umfasste drei aufeinander aufbauende Aktivitäten. Beim Perspektivwechsel (Reframing) nahmen die Teilnehmenden eine mehr-als-menschliche Perspektive ein. Sie richteten ihren Blick auf das Wohlergehen des gesamten sozioökologischen Systems statt auf die Bedürfnisse einzelner Organismen – einschliesslich des Menschen. Anschliessend entwickelten sie gemeinsam Zukunftsvisionen (Co-Visioning) für das Areal Bach im Jahr 2050. Dieser Zeithorizont umfasst ungefähr eine Generation und eröffnet Raum für tiefgreifende Veränderungen – bei politischen Rahmenbedingungen ebenso wie bei sozialen Praktiken und gemeinsamen Werten. So verlagerte sich der Fokus von den heutigen Problemen auf die Frage, was aus dem Ort werden könnte. Im abschliessenden Backcasting dachten die Teilnehmenden von der gewünschten Zukunft zurück in die Gegenwart und identifizierten mögliche Handlungsschritte zu ihrer Verwirklichung.
Ein gemeinschaftlich getragener Ort
Die Ergebnisse zeichnen das Bild eines lebendigen und gemeinschaftlich getragenen Areals. Im Jahr 2050 soll es ein selbstverständlicher Ort für Begegnung, Lernen und Erholung sein, an dem Menschen verschiedener Generationen und Kulturen eigene Ideen verwirklichen und Gemeinschaft finden können. Spielmöglichkeiten, generationenübergreifende Projekte und ein autofreier Raum sollen die Lebensqualität stärken. Ein freigelegter Bach, Bäume, Wasser und vertikale Begrünung prägen die ökologische Vision; Beobachtungsposten ermöglichen bewusste Naturerfahrungen.
Von der Vision zum Handeln
Bis 2030 stehen vor allem Schritte im Vordergrund, die das Areal sichtbarer machen und Menschen zum Mitwirken einladen: eine bessere Beschilderung, regelmässige Führungen, Anlässe für Gross und Klein sowie zusätzliche Mitgestaltungsmöglichkeiten. Auch soll die finanzielle Unterstützung ausgebaut werden. In den folgenden Jahren liegt der Fokus auf der gezielten Ansprache unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, der Gewinnung weiterer Mitwirkender und dem Aufbau neuer Kooperationen. Langfristig sollen die Qualitäten des Areals gesichert, Coaches ausgebildet, Kooperationen ausgebaut und die Anerkennung des Areals als Naherholungsgebiet der Stadt angestrebt werden.
Die Ergebnisse sind kein beschlossener Massnahmenplan, sondern gemeinsame Zukunftswünsche und mögliche Entwicklungsschritte. Sie verdeutlichen, wie eng ökologische Pflege, gesellschaftliche Teilhabe, tragfähige Vereinsstrukturen und öffentliche Unterstützung miteinander verbunden sind – und bieten Ansatzpunkte für die weitere Entwicklung des Areals Bach.
Kontakt: Raimund Kemper

