Vom 14. bis 19. Juni 2026 fand in Davos das vierte World Biodiversity Forum (WBF) statt. Unter dem Leitthema «Leading Transformation Together» brachte die internationale Konferenz über 1‘000 Teilnehmende aus mehr als 70 Ländern – Forschende, Praxisakteur:innen, Unternehmen, politische Entscheidungsträger:innen und zivilgesellschaftliche Stimmen – zusammen, um Wege in eine biodiversitätspositive Zukunft zu diskutieren.
Auch das IFSAR war in Davos vertreten: Raimund Kemper präsentierte am 18. Juni 2026 im Rahmen der Session «Planning for Biodiversity» den Beitrag «Environmental justice in urban planning through post-implementation governance of nature-based solutions». Der Vortrag stellte Erkenntnisse aus dem EU-Biodiversa+ Projekt NatureScape (2025–2028) vor und knüpfte damit an die sozialräumliche Forschung des IFSAR zu nachhaltiger, inklusiver und gerechter Stadtentwicklung an.
Naturbasierte Lösungen nach der Umsetzung
Naturbasierte Lösungen (Nature-based Solutions, NBS) wie Gemeinschaftsgärten, begrünte Dächer, Regenwassergärten oder temporäre Grünräume werden in Städten zunehmend eingesetzt, um Biodiversität, Klimaanpassung und menschliches Wohlbefinden miteinander zu verbinden. In Planung und Umsetzung erhalten solche Massnahmen bereits viel Aufmerksamkeit. Weniger sichtbar ist jedoch, was nach der Realisierung passiert: Wer übernimmt Verantwortung? Wie werden Pflege, Nutzung, Finanzierung und Weiterentwicklung organisiert? Und wie bleibt gewährleistet, dass NBS langfristig zugänglich, inklusiv und gerecht wirken?
Genau hier setzt NatureScape an. Das Projekt untersucht die Nachimplementierungsphase urbaner NBS als kritischen Übergang: Erst nach der Umsetzung zeigt sich, ob grüne Infrastrukturen dauerhaft gepflegt, institutionell verankert und von unterschiedlichen Gruppen getragen werden – oder ob sie an fehlenden Zuständigkeiten, knappen Ressourcen und nachlassender politischer Unterstützung scheitern.
Sieben Transformationslabore in Europa
NatureScape arbeitet mit sieben Transformationslaboren in Oslo, Dublin, Riga, Mailand, Lissabon, Lublin und St. Gallen. In diesen Städten werden die Bedingungen untersucht, unter denen Langzeitverantwortung – im Projekt als Stewardship verstanden – entstehen kann. Dazu verbindet das Forschungsteam Wissenssynthesen, Indikatoren, Baseline-Assessments, partizipative T-Labs und vergleichendes Lernen über Länder und Planungskulturen hinweg.
Die ersten Ergebnisse zeigen zentrale Lücken: Häufig wird die Phase nach der Umsetzung auf technischen Unterhalt reduziert. Gleichzeitig erschweren institutionelle Fragmentierung, schwache strategische Verankerung, unsichere Finanzierung, fehlendes Monitoring und ungleiche Beteiligungsmöglichkeiten eine langfristig gerechte Wirkung von NBS.
Stewardship als Schlüssel gerechter Stadtentwicklung
Der Vortrag machte deutlich: Die zentrale Frage ist nicht mehr nur, ob naturbasierte Lösungen umgesetzt werden sollen, sondern wie sie nach ihrer Umsetzung verankert, gesteuert und gemeinschaftlich getragen werden. Für eine biodiversitätspositive und sozial gerechte Transformation braucht es adaptive Planungsprozesse, verbindliche institutionelle Strukturen, Co-Management, langfristige Finanzierung und Beteiligungsformate, die lokale Perspektiven ernst nehmen.
Damit positioniert NatureScape Langzeitverantwortung als sozialräumliche Governance-Aufgabe. Urbane Natur wird als gemeinsamer Lebensraum verstanden, dessen Qualität, Zugänglichkeit und ökologische Wirkung kontinuierlich ausgehandelt, gepflegt und weiterentwickelt werden müssen.
Kontakt: Raimund Kemper

