SNF Projekt: Psychosoziale Risiken in der Arbeitswelt

In einem interdisziplinären Grundlagenforschungsprojekt zwischen den Instituten IFSAR und IMS sowie in Zusammenarbeit mit ICAS werden evidenzbasierte Gefährdungsbeurteilungen von Interdependenzen zwischen strukturellen Arbeitsbelastungen und subjektiv empfundenen Arbeitsbeanspruchungen herausgearbeitet.

Ging es während der Industrialisierung vor allem darum, die körperliche Unversehrtheit der Lohnarbeitenden durch Arbeitsschutzmassnahmen zu gewährleisten, gilt es in der aktuellen Diskussion um die Zukunft und Entwicklung der Arbeitswelt als eine der grössten Herausforderungen, die psychische Gesundheit von Erwerbstätigen zu erhalten. Für Fachkräfte der Betrieblichen Sozialen Arbeit (BSA) besteht eine wesentliche Aufgabe in der Prävention von psychosozialen Gefährdungen. Aktuelle Erkenntnisinteressen der BSA liegen darin begründet, zu prognostizieren, wie strukturelle Arbeitsbelastungen (Beschleunigung der Arbeitsaufgaben, Deregulierung der Arbeitsbedingungen, Betriebsklima etc.) mit lebenslagenspezifischen Belastungen (Vereinbarkeit, knappe soziale Ressourcen, prekäre Wohnsituation etc.) und subjektiven Bewältigungsstrategien (Art und Weise der Stressverarbeitung) korrespondieren. Daraus soll abgeleitet werden, wie gesundheitsgefährdende Konstellationen entstehen und wie eine Bewertung von Gefährdungskonstellationen möglich ist. Aus dieser Ausgangslage leiten sich folgende Forschungsfragen ab:

  1. Welche Konstellationen von Arbeitsbelastungen in Wechselwirkung mit spezifischen Lebenslagen ergeben gesundheitsgefährdende und -erhaltende Arbeitsbeanspruchungen?
  2. Wie sehen gesundheitsgefährdende und -erhaltende Bewältigungsstrategien aus?
  3. Wie können Gefährdungsbeurteilungen auf der Grundlage multifaktorieller Wirkungszusammenhänge prognostisch berechnet und dargestellt werden?

Zusammenarbeit

ICAS unterstützt das SNF-Grundlagenforschungsprojekt mit der Bereitstellung von anonymisierten Falldaten aus den Jahren 2009-2018. Die Falldaten werden während internationalen betrieblichen Beratungen erhoben. ICAS bietet seit 30 Jahren erfolgreich Externe Mitarbeiterberatung EAP (Employee Assistance Program) an und ist  in der ganzen Welt lokal tätig. Der Schwerpunkt von ICAS liegt in der wirksamen Frühprävention. Das EAP befähigt Menschen, emotionale und psychische Belastungen frühzeitig anzugehen, um so deren negative Auswirkungen auf Leistung und Gesundheit zu verhindern.

Erkenntnisziele

Die anonymisierten Daten enthalten weder personenbezogene noch unternehmensspezifische Inhalte und werden im SNF Forschungsprojekt im Hinblick auf psychosoziale Risiken ausgewertet. Erkenntnisziele sind die Früherkennung von psychosozialen Risiken sowie die Beurteilung von Gefährdungskonstellationen.

Ziel

Als Ergebnis des Forschungsprojekts entstehen:

  1. eine Multifaktorenanalyse der Interdependenzen zwischen strukturellen Arbeitsbelastungen und subjektiv empfundenen Arbeitsbeanspruchungen. Zweck dieser Analyse ist es,
  2. Auswirkungen des Spannungsfeldes von psychosozialen Risikofaktoren und damit einhergehende gesundheitsgefährdende sowie gesundheitserhaltende Bewältigungsmuster zu erkennen, um
  3. ein theoretisches Simulationsmodell abzuleiten, welches die Grundlage für eine evidenzbasierte Gefährdungsbeurteilung herstellt, die prognostisch risikoreiche Konstellationen erkennt und bewertet.

Methodisches Vorgehen:

Die Forschungsdesiderate werden durch folgendes induktives Vorgehen herausgearbeitet:

  1. Data-Mining: Die zur Verfügung gestellten Daten werden mittels deskriptiver Statistik (Histogramme), schliessender Statistik (Wahrscheinlichkeiten) und multivariater Statistik (Faktorenanalyse, Clusteranalyse) in Bezug auf psychosoziale Risikokonstellationen und Erkrankungswahrscheinlichkeiten ausgewertet.
  2. Qualitative Sozialforschung: Überprüft und ergänzt wird die Auswertung des Data-Minings durch Experteninterviews (BSA, Führungskräfte) sowie leitfadengestützte Interviews mit Betroffenen über psychosoziale Risikokonstellationen, um Sinnkonstruktionen von Wirkungszusammenhängen und gesundheitsgefährdende sowie gesundheitserhaltende Bewältigungsmuster zu eruieren.
  3. Theoretische Modellbildung: Mit einer abschliessenden vergleichenden Theoriegenerierung wird ein prognostisches Simulationsmodell erstellt, das unterschiedliche Gefährdungskonstellationen erfasst.

Als Ergebnis dieses Vorgehens entsteht eine evidenzbasierte Gefährdungsbeurteilung. Diese beinhaltet ein dynamisches Regelwerk, welches psychosoziale Risiken erkennt, berechnet und beurteilt: In dynamischen Diagrammen und anhand logischer Regeln können dabei gesundheitsgefährdende strukturelle wie individuelle Verhaltensweisen als auch Erkrankungswahrscheinlichkeiten prognostiziert werden.

ICAS Firmenbroschüre

Literatur

Paulus, Stefan (2018): Gefährdungsbeurteilungen von psychosozialen Risiken in der Arbeitswelt. Zum Stand der Forschung. In: Zeitschrift für Arbeitswissenschaft

Paulus, Stefan (2016): Psychische Arbeitsbelastungen und betriebliches Gesundheitsmanagement. Handlungsbedarf in der Sozialen Arbeit. In: SZFSA, Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit, 18/2015, S. 73-92

Laufzeit 2019-2022

Projektleitung Stefan Paulus

E-Mail: stefan.paulus@fhsg.ch
Telefon: 071 226 18 51